pirmin loetscher. luzern. 2026
Beim Vorbeigehen betrachte ich das Buch auf dem Schreibtisch. «Achte auf dich» steht auf dem Cover. Ich frage mich, weshalb sich viele Menschen erst dann mit sich selbst auseinandersetzen, wenn ein schlimmes Ereignis sie dazu zwingt. Ein Burnout. Eine Krankheit. Eine Midlife-Crisis. Letztere betreffe vor allem Männer, sagt Pirmin später. Er erlebt es in seiner täglichen Arbeit. Wer ihn nicht kennt: Pirmin Loetscher ist Life Coach und Autor.
Wir treffen uns in Pirmins Büro mitten in der Stadt Luzern. Stuckaturen zieren die hohen Decken, unter ihnen lässt das Fischgrätparkett keinen Schritt unbemerkt. Dario nutzt das Licht der untergehenden Abendsonne für die ersten Bilder von Pirmin.
Die Frage beschäftigt mich noch immer. Pirmin erklärt es so: «Nicht alle Menschen spüren sich selbst gleich gut. Viele verlieren im Laufe des Lebens die Verbindung zu sich selbst. Sie funktionieren in einem System, ohne sich zwischendurch zu fragen, ob sie noch auf dem richtigen Weg sind.»
Mit der Frage «War das alles?» beginne für viele Menschen eine Reise. Die Reise zu sich selbst. «Hinter meiner Arbeit steckt kein Hokuspokus», sagt Pirmin. «Vielmehr die Frage, wer du bist, wenn nichts bleibt ausser dir selbst.» Ohne Job. Ohne Status. Ohne die ständige Ablenkung von aussen.
Wenn das Kartenhaus zusammenfällt, wird es ungemütlich. Das weiss auch Pirmin Loetscher. Erst durch eine Krankheit fand er zu dem, was er heute weitergibt: ein achtsameres Leben. Achtsamkeit könne man wieder lernen, sagt er. Sie sei bereits in uns. Viele hätten nur vergessen, wie es sich anfühlt, sich selbst wirklich zu spüren.
Zurück im Auto durchwühle ich meine Tasche. Mein Handy! Ich eile zurück ins Gebäude, die Treppenstufen hoch. Pirmin steht schon da. Kaum halte ich das Handy in der Hand, fällt es mir zu Boden. «Oh!», höre ich ihn sagen. «Macht nichts», sage ich und verlasse das Gebäude, ohne mich nochmals umzudrehen. «Alles andere als achtsam», sage ich zu Dario. Wir lachen. Im Rückspiegel verschwindet die Stadt hinter uns. Wenige Minuten später versinke ich im Abendrot, das sich vor uns auftürmt. Genau so definiere ich Achtsamkeit für mich selbst: mich in der Hektik kurz zu verlieren und im nächsten Moment wieder ganz von selbst zu finden.
Photographs by Dario Zimmerli
Words by Natalie Schafroth