angela elena stadelmann. sursee. 2026
Wer nicht der Norm entspricht, passt in keine Schublade. Und die Gesellschaft mag Schubladen. Sie schaffen Ordnung und vermitteln Sicherheit. Vermeintlich. Doch was passiert mit jenen, die nicht hineinpassen? Die «zu viel, zu laut, zu anders» sind? Oft beginnen diese Menschen, an sich selbst zu zweifeln. Sie versuchen, sich anzupassen, es allen recht zu machen. In der Hoffnung, irgendwann dazuzugehören.
Angela Elena Stadelmann kennt dieses Gefühl. 1984 in MedellÃn, Kolumbien, geboren, kam sie im Alter von etwa neun Monaten in die Schweiz. Sie wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf und versuchte lange, ihren Platz zu finden.
Die schwierigen Jahre ihrer Kindheit und Jugend haben Angela zur Frau gemacht, die sie heute ist: stark und selbstbewusst. Die Vergangenheit hat Spuren hinterlassen, aber sie bestimmen nicht, wie sie heute lebt. «Ich glaube, für jeden Menschen gibt es den richtigen Platz auf dieser Welt. Man muss nur mutig genug sein, sich auf den Weg zu machen und ihn zu suchen.»
Angela hat ihren Platz auf dem Rugbyfeld gefunden. Ein Ort, an dem sie nicht gegen sich selbst kämpfen muss. Hier ist ihr kräftiger Körper kein Hindernis, sondern eine Stärke. Angela gehört zu den Pionierinnen des Schweizer Frauen-Rugbys. Seit der Gründung der Frauen-15er-Nationalmannschaft im Jahr 2011 ist sie ununterbrochen Teil des Nationalkaders. Sie zählt zu den bekanntesten und profiliertesten Spielerinnen des Landes.
Ihr Talent ist auch international gefragt. Eine markante Narbe am Wangenknochen erinnert an ein Spiel auf Fidschi. Als sie davon erzählt, beginnt sie zu schwärmen. Ein halbes Jahr hat sie auf der Insel gelebt und Rugby gespielt. Die Narbe ist eine von vielen. Fast alle stammen vom Spielfeld. Angela möchte sie auf den Fotos bewusst nicht retuschieren. Sie gehören zu ihr. Und sie erzählen von ihrem Weg, auf dem sie immer wieder aufgestanden ist.
Zum Rugby fand sie eher zufällig. Die Schwester eines Kollegen tauchte eines Tages mit aufgeschlagenen Knien an einer Homeparty auf. Angela wurde neugierig und probierte den Sport aus. Mit 19 Jahren stand sie zum ersten Mal auf dem Spielfeld – und denkt noch lange nicht ans Aufhören.
Auf Social Media nutzt Angela ihre Reichweite, um Einblicke in den Frauen-Rugbysport zu geben und Vorurteile abzubauen: «Wer sieht, dass andere ihren Weg gehen, kann sich eher vorstellen, selbst einen zu finden.» Sie will Mädchen zeigen, dass es im Sport einen Platz für sie gibt – auch dann, wenn sie nicht dem gängigen Bild entsprechen. Dass ein kräftiger Körper oder eine andere Herkunft keine Hindernisse sein müssen. Im Gegenteil: Richtig eingesetzt, können sie zu den grössten Stärken werden.
Photographs by Dario Zimmerli
Words by Natalie Schafroth