manuela schär. nottwil. 2026
Manuelas Leben ist geprägt von Erfolgen. London, Boston, New York, Tokio. Bronze, Silber, sehr oft Gold. Manuela Schär ist eine der erfolgreichsten Rollstuhlsportlerinnen der Welt. Ein Leben auf der Überholspur. Und doch: Für ihr Schicksal zahlt sie einen Preis. Die Frage nach dem Warum hat sie hinter sich gelassen. «Das macht dich sonst kaputt», sagt sie und lässt ihren Blick über die Bahn des Schweizer Paraplegiker Zentrums schweifen. Ich spüre eine gewisse Demut. Ich kenne Manuela persönlich. Schon bei unserer ersten Begegnung mochte ich sie. Ich kann schwer erklären, weshalb das bei manchen Menschen sofort klar ist. Ich denke, weil sie echt ist. Ehrlich und direkt.
Manuela ist eine beeindruckende Frau. Stark, diszipliniert und dennoch sanft. Ein weicher Kern, der immer wieder durch die scheinbar undurchdringliche Fassade der erfolgreichen Sportlerin schimmert. Auch im Umgang mit ihren Hunden sehe ich das. Tiere haben die Gabe, Menschen in einer anderen, gar leichteren Form zu zeigen. Manuela stimmt mir zu: «Die Hunde machen mich weich. Sie leben im Moment. Und genau das gelingt auch mir, wenn ich mit ihnen zusammen bin. Sie lassen mich Schmerz vergessen und immer wieder die kleinen Wunder in scheinbar trivialen Momenten des Lebens entdecken.»
Klack! Manuela taucht in die nächste Kurve ein. Die Vordergabel rastet ein, der Rennrollstuhl zieht sauber über die Bahn. Noch einmal: Klack! Manuela richtet den Blick auf die Gerade. Hier draussen wirkt sie anders als im Studio. Freier. Mehr bei sich selbst.
Der Spitzensport zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Ans Aufhören denkt sie nicht. Und dennoch gibt es da noch einen anderen Traum. Ihre Augen beginnen zu leuchten. «Ich informiere mich gerade über die Ausbildung zur Tierpflegerin», sagt sie. «Mir ist bewusst, dass es nicht einfach wird. Aber ich möchte es versuchen.»
Schon zweimal war Manuela in Thailand und hat dort eine Auffangstation besucht. Sie erzählt von Menschen, die sich mit beeindruckender Hingabe um verletzte und ausgesetzte Tiere kümmern. Man spürt sofort, wie sehr sie das bewegt hat. Genau das möchte sie irgendwann auch tun. Einen Ort schaffen, an dem Hunde Schutz finden. Einen Ort, an dem sie bleiben dürfen – für immer oder bis irgendwann der richtige Mensch kommt.
Photographs by Dario Zimmerli
Words by Natalie Schafroth