catia gubelmann. zürich. 2026
Ich frage mich, wie viele Gedanken ihr gerade durch den Kopf schwirren. Ich sehe eine gewisse Anspannung in Catias Gesicht. Kein Wunder – schliesslich weiss sie nicht, wie der Nachmittag mit uns wird. Nach den ersten Worten ist das Eis gebrochen, die Nervosität auf beiden Seiten verflogen.
Mittlerweile spricht Catia wie ein Wasserfall, wuselt herum und zieht ein Outfit nach dem anderen aus ihrer Tasche. Dario und ich staunen, was der Stoffbeutel alles hergibt. Es macht Spass, mit ihr zu arbeiten. Ihre Begeisterung ist spürbar, ihre Präsenz vor der Kamera beeindruckend, denke ich, während ich ein paar Schnappschüsse hinter den Kulissen einfange.
Catia Gubelmann ist 400-Meter-Sprinterin und lebt in der Stadt Zürich. In einem TV-Beitrag sprach sie über ihr ADHS. Dort habe ich sie zum ersten Mal gesehen und Dario vorgeschlagen, sie für STORIES zu porträtieren.
Die Bilder mit ihr entstehen in der Zürcher Sportanlage Sihlhölzli, wo die 25-Jährige täglich trainiert. Nebenbei studiert sie Betriebsökonomie und Sportmanagement. Vor drei Jahren wechselte sie verletzungsbedingt vom Siebenkampf zum 400-Meter-Sprint. Eine harte Disziplin, die eher sie gefunden hat, als dass sie sie gesucht hätte.
Der 400-Meter-Sprint ist ein Balanceakt zwischen Geschwindigkeit und Kontrolle. «Die Herausforderung liegt darin, die Kräfte über die gesamte Runde präzise einzuteilen. Zwei Sekunden schneller zu laufen, klingt nach wenig, ist im Leistungssport aber ein enormer Schritt. Dabei zählt nicht nur die körperliche Leistung, sondern auch die mentale Stärke», erzählt Catia.
In der Turnhalle bleibt sie vor einer Fotowand stehen. Ein Bild aus dem Jahr 2025 zeigt sie als Schweizer Meisterin. Einer ihrer grossen Erfolge. Derzeit übt sie sich jedoch in Geduld: Nach einer Knieoperation arbeitet sie sich zurück auf die Bahn. Ihr nächstes grosses Ziel sind die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles.
Seit zwei Jahren spricht Catia Gubelmann offen über ihr ADHS. Sie möchte Missverständnisse ausräumen. ADHS bedeutet nicht, zu wenig Aufmerksamkeit zu haben. Vielmehr fällt es Betroffenen schwer, Aufmerksamkeit gezielt zu steuern und Reize zu filtern. Auch deshalb stört sie die Vorstellung, ADHS sei einfach eine «Superkraft».
Ihr ist wichtig, die Stärken ebenso sichtbar zu machen wie die Herausforderungen, die ADHS mit sich bringt. Sie will Verständnis schaffen und durch Aufklärung Leid mindern. Ein Leid, das sie selbst beinahe das Leben gekostet hätte. «Wenn meine Geschichte dazu beiträgt, dass sich nur ein Mensch früher Hilfe holt, hat sich das alles gelohnt.»
Im Sport hat Catia Gubelmann für sich ein Ventil gefunden. Für ihren lauten Kopf. Für die Energie, die – richtig kanalisiert – zu Höchstleistungen führen kann.
Photographs by Dario Zimmerli
Words by Natalie Schafroth